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VideoWoche
Der todkranke Paul wartet auf ein Spenderherz.
Um ihm die letzten Stunden leichter zu machen,
ist sogar Ex-Frau Mary zu ihm zurückgekehrt.
Allerdings aus egoistischen Gründen
- sie will noch ein Kind von ihm. Die einst
so labile Cristina wiederum hat den Drogen
abgeschworen und erlebt mit Mann und Töchtern
ihren zweiten Frühling. Auf dem besten
Weg dorthin ist auch Ex-Knacki Jack. Alkohol
und kriminelle Eskapaden sind passé.
Da verursacht Jack einen Autounfall, bei
dem Cristinas Mann und die Kinder sterben.
Wie bei seinem Erstling 'Amores perros'
verwendet der Mexikaner Alejandro González
Iñárritu auch hier eine eigenwilligen
Erzählstruktur und erzählt von
Menschen, deren Wege sich durch ein tragisches
Ereignis plötzlich kreuzen. Dabei empfiehlt
sich der 40-Jährige erneut als visionärer
Filmemacher, der mit einer unkonventionellen
Bildsprache verblüfft, dem Authentizität
wichtiger ist als tricktechnischer Firlefanz
und der seine Darsteller um Sean Penn und
Naomi Watts zu Höchstleistungen anspornt.
Für Film-Gourmets ein Muss.
Blickpunkt: Film
Der Mexikaner Alejandro Gonzalez Iñárritu
(Welterfolg für 'Amores Perros') präsentierte
in Venedig mit seinem in englisch gedrehten
Film '21 Grams' ein dramatisches Puzzle
über Trauer und Tod, Schuld und Sühne.
Das brillante Cast von Benicio del Toro
über Naomi Watts bis hin zu Sean Penn,
ausgezeichnet mit der Coppa Volpi als Bester
Darsteller, machen diesen furiosen Trip
am Rande des Abgrunds zu einem aufwühlenden
Erlebnis.
Wie in 'Amores Perros' verweben sich auch
in '21 Grams' die Schicksale dreier Hauptfiguren.
Über mehrere Monate hinweg bestimmen
ihre zufälligen Begegnungen den Handlungsverlauf.
Und wie in 'Amores Perros' wird ein Autounfall
zum Auslöser einer explosiven Katharsis,
der intensiven Betrachtung von Liebe und
Hoffnung, Rache und Sühne. Titelgebend
ist die Annahme, dass der Mensch 21 Gramm
seines Körpergewichts beim Sterben
verliert, vielleicht das Gewicht der Seele.
Der Collegeprofessor Paul Rivers (Sean Penn)
wartet auf eine Herztransplantation und
seine Frau Mary (Charlotte Gainsbourg) möchte
ein Kind von ihm durch künstliche Befruchtung,
auch auf die Gefahr hin, dass dieses erst
nach dem Tod des Erzeugers das Licht der
Welt erblickt. Christina Peck (Naomi Watts)
lebt mit ihrem Mann und den zwei Töchtern
in ausgeglichener Mittelschichtsharmonie,
ganz unten auf der sozialen Skala angesiedelt
ist Exknasti Jack Jordan (Benicio Del Toro),
der sich mit Frau und zwei Kindern durchs
schäbige Dasein schlägt und in
der Religion einen Halt findet. Als er bei
einem Autounfall Christinas Familie auslöscht,
gerät die psychologische Balance aller
Figuren aus dem Gefüge. Und als Paul
mit dem Herzen des Unfallopfers Gefühle
für die Witwe entwickelt, steuert das
Drama auf einen Höhepunkt zu. Drehbuchautor
Guillermo Arriaga kombiniert erneut einen
harten Realismus mit dem unerschütterlichen
Glauben an die Möglichkeiten des Lebens,
'eine Meditation, die die existenziellen
Dinge des komplexen Miteinanders erforscht'.
Es gibt keine guten und keine schlechten
Menschen, sondern nur Opfer der Verhältnisse,
so das Fazit. Inárritu setzt die
einzelnen Elemente zu einem nicht ganz einfach
zu verstehenden, selbst am Ende noch irritierenden
Puzzle zusammen, das sich erst auf dem zweiten
Blick erschließt. Anhänger einfacher
und linearer Konstellationen bleibt nur
Rätselraten. Wenn man sich an die fragmentarische
Struktur gewöhnt hat (und das sollte
Freunden von Christopher Nolans 'Memento'
keine Probleme bereiten), ist es einfacher,
die einzelnen Fährten zu verfolgen
und auch die Dopplung der Szenen nachzuvollziehen.
Die schmutzig ausgebleichten Bilder von
Rodrigo Prietos nervöser Handkamera
unterstreichen die Verlorenheit der Charaktere,
umkreist sie kompromisslos und kommt ihnen
schmerzhaft nahe. '21 Grams' ist ein Stück
brisante Philosophie, ein wüstes Anrennen
gegen Sehgewohnheiten, ein apokalyptischer
Ritt durch das Unterbewusstsein. Dem Zuschauer
wird einiges abverlangt, aber dafür
entschädigen Schauspieler aus Hollywoods
Oberliga. Allein Sean Penn als wortkarger
mit dem eigenen Tod konfrontierter Intellektueller,
Del Toro als wie ein wilder Hund gegen die
Schatten der Vergangenheit ankämpfend
und sich in Religion flüchtend, sowie
eine genial auftrumpfende Naomi Watts, die
souverän auf der Klaviatur von lauter
Wut, tiefem Leid und leiser Liebe spielt,
sind die Kinokarte wert. mk.
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