|
Blickpunkt: Film
Es ist offiziell: Steven Soderbergh ist
der aufregendste Regisseur, der gegenwärtig
in Hollywood arbeitet. Nur neun Monate nach
'Erin Brockovich', seiner großen Überarbeitung
dessen, was man als klassisches Starvehikel
bezeichnet, stellt der Filmemacher mit dem
facettenreichen Mosaik-Policier 'Traffic'
seine bislang gewagteste und souveränste
Variante des mit Mitteln des Experimentalfilms
neu entworfenen Mainstreamkinos vor: Soderbergh
verfolgt eine Handvoll von zunächst
nur durch den Überbegriff Drogen verbundenen
Handlungssträngen, die sich mit zwingender
Logik zu einem packenden Netz schmerzhafter
Wahrheiten zusammenfügen und den konzertierten
Krieg der US-Regierung gegen Drogen als
zwangsläufig zum Scheitern verurteilt
entlarven. Authentischer, packender und
spannender waren politische amerikanische
Krimis auch zu Zeiten von 'French Connection'
oder 'Serpico' nicht.
Die britische Miniserie 'Traffik' berichtete
Ende der achtziger Jahre in sechs einstündigen
Folgen vom verschlungenen Weg der Drogen
von den Produzenten in Pakistan zum Konsumenten
in Europa. Stephen Gaghan verlegte die Handlung
nach Mexiko und die Vereinigten Staaten
und komprimierte die ausufernden Plots zu
einem zweieinhalbstündigen Puzzlespiel,
das einem in seiner wilden Anordnung den
Atem raubt. In Steven Soderberghs kongenialer
Zickzack-Umsetzung geht das übergeordnete
Motiv nie verloren, egal welche Umwege er
bei der Erfassung der komplexen Thematik
auch gehen mag, um altbekannte Truismen
mit Leben zu erfüllen. Wie die immer
wieder gezeigten Automassen am Grenzübergang
zwischen den USA und Mexiko und die unablässigen
Menschenströme auf den Straßen
der Metropolen beider Länder verdeutlichen,
geht es sehr buchstäblich um Verkehr
- Drogenverkehr, mit allen Implikationen
des Wortes - und um die unweigerlich damit
verbundenen menschlichen Schicksale: Hersteller
und Konsumenten; Dealer und Käufer;
Jäger und Gejagte; Polizei und Diebe;
Ursache und Wirkung. Kein Stein bleibt umgedreht,
keiner kommt sauber raus.
Da ist ein mexikanischer Cop in der Grenzstadt
Tijuana (Benicio del Toro als klassischer
Lumet-Antiheld mit Licht- und Schattenseiten,
ein melancholischer Latino-Popeye-Doyle),
der nicht länger mitansehen will, wie
seine Stadt von Gewalt, Verbrechen und Drogen
aufgefressen wird, sich mit Kräften
einlässt, die er nicht kontrollieren
kann, und zum Verräter wird, um seinem
Traum einen winzigen Schritt näher
zu kommen. Da ist die verwöhnte High-Society-Ehefrau
aus dem exklusiven Vorort von San Diego
(Catherine Zeta-Jones ebenso elegant im
Umgang mit Coco (Chanel) wie mit Koks),
die erst bei der Verhaftung ihres Ehemannes
erfährt, dass der Reichtum ihrer Familie
auf groß angelegtem Drogenhandel fußt,
und die Dinge auf unkonventionelle Weise
in die Hand nimmt. Und schließlich
ist da der designierte Drogenzar der amerikanischen
Regierung (Michael Douglas in der Rolle,
die Harrison Ford nicht den Mut hatte zu
übernehmen), der so sehr mit der unüberschaubaren
Logistik seiner Berufung beschäftigt
ist, dass er nicht realisiert, dass seine
Einser-Schüler-Tochter selbst längst
drogenabhängig ist. Für sich alleine
genommen, wäre jede der Episoden Stoff
für ein rührseliges TV-Movie-of-the-Week.
Tatsächlich erzählt Soderbergh
auch nicht wirklich Dinge, die man nicht
wissen könnte. Aber die Kombination
der Handlungsstränge, die zwingende
Logik, mit der sie zusammenhängen,
sich bedingen, ohne dass sie jemals wirklich
zusammenführen würden, verleiht
'Traffic' seine Prägnanz und Größe.
Und schließlich ist da noch die furiose
Umsetzung, für die sich Soderbergh
selbst die Handkamera geschnappt hat, um
den Figuren so nah zu kommen, als wäre
jeder Moment ganz authentisch festgehalten.
Fahrig und unablässig folgt er Opfern
und Tätern auf Schritt und Tritt, bis
die Grenzen verwischen und nur noch menschliche
Schicksale und Tragödien bleiben. So
groß ist die Intensität des Films,
dass sich der Regisseur sogar Auszeiten
erlauben darf, in denen er den Charakteren
einfach nur beim alltäglichen Sein
zuschaut. Das sind die besten Momente, wenn
'Traffic' den unablässigen Informationsfluss
der Krimihandlung ausblendet und einfach
nur tief Luft holt. 110 Sprechrollen gibt
es in diesem High-Times-Sittenfresko, und
doch haben Worte noch in keinem Film Soderberghs
eine so untergeordnete Rolle gespielt. Eine
Szene, in der der mexikanische Cop in einem
Schwulenclub einen Handlanger eines Drogenkartells
verführt, kommt gar komplett ohne Dialog
aus. 'Traffic' ist ein Bilderfilm, der nicht
zuletzt durch die höchst eigenwillige
Farbgebung - dreckig-gelbe Farbfilter für
die Tijuana-Szenen, kalt-blaues Licht für
das Zentrum der Macht, ungefilterte Beleuchtung
am Schnittpunkt der beiden Welten im Haus
des Drogendealers - an Kontur und Persönlichkeit
gewinnt. Nicht ganz kann Soderbergh die
Spannung über die volle Länge
aufrecht erhalten, manche wichtige Aspekte
bleiben ausgeklammert, und die Auflösung
scheint allzu bequem. Und doch ist 'Traffic'
ein Beispiel für Filmemachen allerhöchster
Ordnung, das Kopf und Herz gleichermaßen
füttert - ein Erlebnis, das high macht
und obendrein noch völlig legal ist.
ts.
|